Börse, Journalismus, Sprache

Kaufen, halten, verkaufen: Die wirre Sprache der Börsianer

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Liebe Börsianer, Journalisten und PR-Profis: Wir müssen reden.

Die Welt der Finanzmärkte kann aufregend sein. Kurse steigen und fallen, Menschen verlieren Geld oder werden reich. Je intensiver sich die handelnden Figuren mit der Materie befassen, desto deutlicher tritt ein Phänomen in Erscheinung: Wirtschaft ist nicht nur spannend, sie ist auch kompliziert. Um diesen vermeintlichen Missstand kommunikativ zu beheben, verfallen Aktienhändler, Wirtschaftsredakteure und Kommunikatoren in ein gemeinsames Verhaltensmuster. Sie tauchen ein in die Welt der Bilder, genauer gesagt in die Welt der schiefen Bilder und Metaphern.

Der Drang zur bunten Sprache an der Börse produziert merkwürdige Stilblüten. Unternehmen stellen ihre Strategie „auf den Prüfstand“, „kassieren „Gewinnziele“ und „schreiben rote Zahlen“. Ein besorgter Broker wünscht, dass sich „deutsche Aktien fest zeigen“ und Unternehmen „eine Rekorddividende ausschütten“. Stattdessen aber ist nun die „Marktstimmung für zyklische Titel schwach“ mit der offenbar dramatischen Folge, dass ein „Stühlerücken im Dax“ beginnt.

Man kann sich diesem Phänomen logisch nähern, indem man Ursachenforschung betreibt. Sind „feste Aktien“ das Gegenteil von weichen Aktien oder möglicherweise gar „zyklischen Titeln“? Wird an der Börse Geld verschüttet oder besser gesagt „ausgeschüttet“?

Die Welt der Wirtschaft kennt keine Ästhetik

Wir sollten an dieser Stelle nicht den – Achtung Metapher – mahnenden Zeigefinger heben. Wer hat nicht in seinem Leben schon Sympathie entfacht für Stilblüten wie „Energieversorger X gibt kräftig Gas“ oder „Bäcker Y backt kleine Brötchen“? An der Börse sind es Rechenoperationen, die kommuniziert werden müssen. Solche Vorgänge sind nicht laut, schön, schrill oder bunt. Die Welt der Wirtschaft ist zweckorientiert. Sie funktioniert oft ohne Glanz und Ästhetik. Dies ist vielleicht der Grund dafür, warum der ein oder andere Börsianer gelegentlich über die metaphorischen Stränge schlägt. Man kann die Meinung vertreten, die Sprache werde reichhaltiger, wenn „Futures“ ihre „Gewinne ausbauen“ und „Bankenwerte gesucht“ sind.

Spätestens bei „erodierenden Erlösen“, „sprudelnden Gewinnen“ oder „verhagelten Bilanzen“ aber tun sich Parallelen zum Sportjournalismus auf. Wenn Hörfunkreporter ein langweiliges Fußballspiel kommentieren müssen, bleibt ihnen keine andere Wahl als das sportliche Nichts in wohlmeinende Klangbilder zu verpacken. Wenn dann doch „aus heiterem Himmel“ ein „Tor fällt“, mag dies Emotionen bei den Hörern hervorrufen. Aber das war es dann auch.

An der Börse hingegen hat jede Finanztransaktion unmittelbar monetäre Folgen für Käufer und Verkäufer. Menschen können Geld verdienen, Unternehmen können Kapital verlieren. In einem solchen Klima wäre sprachliche Klarheit wünschenswert. Vor allem, wenn es darum geht, ob Anleger kaufen, halten oder verkaufen sollen. Die entscheidenden Informationen dazu liefern Analysten, die für große Banken oder Investoren arbeiten. Sie beurteilen Wertpapiere, werten Informationen aus und fällen oft folgenschwere Urteile. Analysten sind so etwas wie die Richter der Finanzmärkte. Viele Anleger und Wirtschaftsjournalisten orientieren sich an ihren Urteilen. Wer, wenn nicht diese gut informierten Fachleute, könnte sagen, ob eine Aktie ihr Geld wert ist?

Analysten sind keine Stiftung Warentest für Aktien

Und hier beginnt das Missverständnis. Analysten sind keine Stiftung Warentest für Aktien. Sie sagen nicht: „Die Aktie gefällt uns besonders gut, weil sie diese und jene hervorragenden Eigenschaften auf sich vereint.“ Analysten sprechen eine eigene, eine merkwürdige Sprache. Sie sagen „add“, „buy“ oder „equalweight“, ohne dass der Kommunikationspartner am Ende erkennbar schlauer wäre. Selbst wenn Finanzanalysten scheinbar eingängige Worte wählen, kommt die Kunde beim Kunden nicht an. Was meinen Analysten wirklich mit Urteilen wie „hold“, „marketweight“, oder „outperform”?

Diese Marktbeobachter sprechen ja nicht einmal untereinander mit einer Zunge, weil sie scheinbar eindeutige Begriffe unterschiedlich definieren. Wenn Analyst A sagt „kaufen“, dann meint er vielleicht, dass eine bestimmte Aktie um mehr als zwanzig Prozent an Wert zulegen kann. Analyst B traut dieser Aktie aber nur ein Wachstum von zehn Prozent zu. Gleichwohl lautet auch bei ihm das Urteil „kaufen“. Genauso wie bei Kandidat C, der allerdings bei gleicher Wortwahl nur mit einer Wertsteigerung von fünf Prozent rechnet.

Ein Wort, drei Bedeutungen. Mathematisch formuliert ist „Kaufen“ damit ungleich „Kaufen“ ungleich „Kaufen“. Eine der zentralen Aktivitäten funktionierender Marktwirtschaften bewegt sich im linguistischen Nirwana. Wie soll Konsum zustande kommen, wenn Menschen sich noch nicht einmal verbal über den Kaufvorgang verständigen können?

Wenn wir aber schon nicht den wahren Sinn des vermeintlich einfachen Wortes „kaufen“ verstehen, wie ergeht es uns dann erst bei international eingeführten Sprachkonstrukten wie „strong buy“, „overweight“, „reduce“ oder „sell“? Da, wo Klarheit notwendig wäre, bewegt sich Finanzanalyse sprachlich in einem Paralleluniversum. Einzig PR-Abteilungen und Finanzjournalisten können diesen Konflikt auf Dauer lösen. Sonst heißt es irgendwann einmal: Bye bye strong buy.

 

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E-Mail, Tomlinson

Vielen Dank für Ihre E-Mail

 

Vielen Dank

Zum Tode von Ray Tomlinson, ein Text aus dem Buch „Vielen Dank für Ihre E-Mail“ von Christoph Moss.

Ray Tomlinson ist so etwas wie der Neil Armstrong des Internets. Der Amerikaner ist der erste Mensch, der eine Nachricht zwischen zwei Rechnern verschickt hat – eine Leistung, die dem ersten Besuch auf dem Mond in nichts nachsteht.

Es ist Winter 1971, und Tomlinson arbeitet für Bolt Beranek and Newman – eine Firma aus Cambridge mit einem bedeutenden Auftrag: Das Unternehmen aus Massachusetts soll für das US-Verteidigungsministerium das Arpanet aufbauen. Aus diesem Netz wird später einmal das Internet entstehen.

Tomlinson will es Menschen ermöglichen, Nachrichten von einem Computer zum anderen zu schicken. Ein solcher Computer allerdings gleicht zu Beginn der siebziger Jahre eher einem mehrere Meter breiten Kleiderschrank denn einem kompakten Kleingerät. Der 30-jährige Ingenieur investiert sechs Stunden seines Lebens, dann hat er das Programm fertiggeschrieben, mit dem sich elektronische Nachrichten versenden lassen.

Am Ziel ist er deshalb aber noch nicht. Tomlinson weiß jetzt, wie er einen elektronischen Brief von einem Ort zum anderen schicken kann. Aber er muss noch einen kleinen Schritt gehen, der die Menschheit entscheidend voranbringen wird. Wie beim Versand eines klassischen Poststücks braucht er für seine E-Mail nicht nur eine Briefmarke, sondern auch die vollständige Anschrift des Empfängers. Seine Erfindung kann nur funktionieren, wenn er den Namen des Adressaten auf kluge Weise mit dem Namen des Computers verbindet, der die Nachricht empfangen soll.

Und um diese beiden Bestandteile einer elektronischen Adresse zusammenzubauen, bedarf es einer revolutionären Idee. Tomlinson benötigt ein besonderes Zeichen. Es muss ein Symbol sein, das auf einer herkömmlichen Tastatur vorhanden, aber ansonsten fast überflüssig ist – also kein Bestandteil eines Namens, keine Zahl, kein Buchstabe und auch keine Firmenbezeichnung.

Groß ist die Auswahl nicht, wenn man derart gravierende Einschränkungen hinnehmen muss. Auf der Tastatur seiner 33 Teletype, einer Art Schreibmaschine mit Fernschreibfunktion, stößt er auf das @. Dieses Symbol erfüllt alle geforderten Kriterien. Tomlinson bastelt, setzt die Zeichen zusammen und schafft damit die erste E-Mail-Adresse der Welt:

tomlinson@bbntenexa

Eine weite Strecke wird seine Nachricht nicht überbrücken müssen. Die Rechner stehen praktisch nebeneinander, nur verbunden über ein Kabel. Tomlinson sendet seine historische E-Mail innerhalb des eigenen Hauses vom kleineren Computer mit dem Namen BBNB zu dessen größeren Kollegen BBNA. Es ist ein kleiner Schritt für ein @, aber ein großer Schritt für die Internetgemeinde, die erst in den Jahren danach E-Mail-Endungen wie .com oder .de einführen wird.

Geradezu vehement wehrt sich Tomlinson heute gegen die Mär, er habe das @-Zeichen erfunden: „No, I did not invent the at sign!“, sagt er auf seiner persönlichen Internetseite. Tatsächlich war das @ schon seit vielen Generationen gebräuchlich unter Händlern und Kaufleuten in der Englisch sprechenden Welt. Die Aussage „10 gal @ $3.95/gal“ bedeutete etwa: „zehn Gallonen zu 3,95 Dollar je Gallone.“ Aus diesem kaufmännischen Ursprung heraus gelangte das @ auf die Tastaturen moderner Rechner – und damit in den Wahrnehmungskreis des ersten E-Mail-Versenders Ray Tomlinson.

Wie sehr dieses @ das Leben und die Kommunikation der Menschen beeinflusste, zeigt das englische Königshaus: Keine fünf Jahre nachdem Ray Tomlinson die erste hausinterne E-Mail von einem Rechner zum anderen abgesetzt hatte, machte die Queen schon von dieser neuen Art der Nachrichtenübermittlung Gebrauch. 1976 verschickte Elizabeth II. ihre erste E-Mail von einem britischen Militärstützpunkt aus.

Trotzdem hat sich die englische Königin in Londoner Adelskreisen nicht unbedingt den Ruf einer begnadeten, interaktiven Kommunikatorin erworben: „Wir können ihr keine E-Mail schreiben, und es gibt wenig Hoffnung, dass sie in Zukunft bloggen wird oder gar twittern“, sagte einmal Peter Hunt, Experte für königliche Angelegenheiten bei der britischen BBC, in einem Gespräch mit dem Stern.

Dem Siegeszug der E-Mail hat dies keinen Abbruch getan. Dass die Menschen das @ rund um den Globus in ihre Sprache und damit in ihre Kultur aufgenommen haben, zeigen die phantasievollen Übersetzungen für dieses Symbol: Bei den Deutschen ist es der Klammeraffe, bei den Chinesen liebevoll die Kleine Maus, bei den Italienern die Schnecke und bei den Tschechen ein burschikoser Rollmops.

Für die Entstehungsgeschichte der E-Mail schien sich die Öffentlichkeit dagegen lange Zeit nicht zu interessieren – ein Umstand, der sich inzwischen vollständig geändert hat. Nun wollen Journalisten scheinbar jedes noch so kleine Detail von Ray Tomlinson erfahren, bis hin zu der Frage, was er denn an jenem Abend gegessen habe, als er die erste E-Mail der Menschheitsgeschichte versandte. Kommentar Tomlinson: „Wissen Sie, was Sie 1971 gegessen haben? Ich weiß es nicht.“

Christoph Moss (2010): Vielen Dank für Ihre E-Mail
Kurioses, Wissenswertes und Hilfreiches rund um das Kommunikationsmittel Nummer 1,
Verlag Frankfurter Allgemeine Buch, 224 Seiten

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Awareness bis zum Turnaround beim Bullshit Slam in Köln

Heute Abend können Sie Ihre Sprachperformance refreshen: Deutsch für Manager nimmt am ersten Kölner Bullshit Slam teil. Die einmalige Chance, die Awareness für den Turnaround nachhaltig zu pushen. Hier die Einladung:

http://bullshitslam.de/

„Soviel Blödsinn war nie! Das ist das Motto der Bullshit Slams. Autoren, Philosophen, Slammer und Überraschungsgäste treten gegeneinander an, um herauszufinden: Wer redet den größten Bullshit von allen? Bullshit ist Gerede, bei dem der Sprecher sich nicht um Wahrheit oder Lüge schert. Hauptsache, er kann die Zuhörer um den Finger wickeln. Die Teilnehmer imitieren das inhaltslose Geschwurbel von Managern, Werbern, Gesundheitsaposteln, Esoterikern und anderen – und treiben es auf die Spitze. Sie präsentieren revolutionäre Therapien, neue Führungsmethoden, hohle Managementphrasen, Verschwörungstheorien und bahnbrechende Erfindungen. In der Regel sind 6 bis 8 Slammer pro Abend am Start, jeder hat 9 Minuten Zeit, heiße Luft zu reden, am Ende kürt das Publikum den Meister-Bullshitter.

Der Bullshit Slam ist der kleine dreckige Bruder des Science Slams, bei dem Studierende und Nachwuchswissenschaftler ihre Forschungsarbeiten möglichst unterhaltsam auf die Bühne bringen. Auch der Bullshit Slam verfolgt am Ende ein aufklärerisches Ziel, nur mit anderen Mitteln.“

Der WDR überträgt übrigens live und in Farbe im Stream bei Quarkd & Co. Start: 20.15 Uhr.

http://www1.wdr.de/fernsehen/wissen/quarks/extra/bullshitslam102.html

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9. November 1989: Sofort, unverzüglich (und nicht zeitnah)

Können Sie sich noch an die berühmte Pressekonferenz des DDR-Politikers Günter Schabowski erinnern? Am 9. November 1989 trat er in Ost-Berlin vor die Journalisten. Er referierte langsam und monoton. Dann begann er irgendwann zu stammeln und sagte: „Das tritt nach meiner Kenntnis . . . ist das sofort, unverzüglich.“ Gemeint war die Öffnung der Grenzen. Eine historische Pressekonferenz, weil sie faktisch das Ende der deutschen Teilung bedeutete. Und nun stellen wir uns vor, er hätte nicht gesagt: „Sofort“ oder „unverzüglich“. Stellen wir uns vor, er hätte „zeitnah“ gesagt. Wie gut, dass er diese Vokabel nicht kannte. Zeitnah wäre die Lösung für alle Probleme des DDR-Regimes gewesen. Zumindest an jenem Abend des 9. November. Und wahrscheinlich wären die Grenze nicht sofort, sondern erst zeitnah geöffnet worden, was immer das auch hätte heißen mögen.

Zeitnah bewegt sich auf dem Niveau von alles oder nichts. Sofort oder später. Irgendwann oder nie. Dieses Wort ist so wunderbar nichtssagend, dass es nicht einmal einen Begriff mit gegenteiliger Bedeutung gibt. Zeitfern ist jedenfalls bisher noch nicht in den aktiven Manager-Wortschatz übergegangen.

Anders übrigens als das Zeitfenster oder der Zeithorizont. Auch der unvermeidliche Zeitdruck ist fest etabliert und ebenso das Zeitpolster. Wie wichtig Zeit im Leben eines Managers ist, sehen wir schon an der Vielzahl der Zeit-Begriffe. Zeit ist kritisch, und deshalb gibt es auch das Wort zeitkritisch.

Der Chef eines großen Unternehmens sprach einmal bei einer Veranstaltung für Nachwuchsmanager von den Zeiträubern. Damit meinte er Aufgaben, Einflüsse, Nebensächlichkeiten, die ihn, den Manager, von den wichtigen Dingen des Tages abhielten. Sie stahlen ihm die Zeit, sie raubten eines seiner wichtigsten Güter.

Denn Zeit ist auch Ausdruck von Dynamik. Alles beginnt und endet irgendwann. Und der Abschnitt zwischen Anfang und Ende ist die Zeit. Je mehr Zeit wir in eine Aufgabe investieren, desto weniger Zeit haben wir für anderes übrig. Zu diesem Zeitpunkt ist also Zeitmanagement gefragt.

Denn Zeit ist auch Ausdruck für eine Epoche, eine Generation. „Mit der Zeit gehen“ heißt in diesem Sinne, sich dem Zeitgeist anpassen. Stets modern sein.

„Wir gehen mit der Zeit“ heißt, wir sind auf der „Höhe der Zeit“. Wir liegen vorn. Wir treiben die Dinge voran. Wir behaupten uns im Wettbewerb um Kunden und Märkte. Was nach Sonntagsrede klingt, ist im Kern einer der wichtigsten Ansprüche an die Arbeit eines Managers. Denn sonst greift eine andere, leider oftmals zutreffende Regel: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.

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