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Zum Tode von „MRR“

Marcel Reich-Ranicki ist tot. Ich hatte die große Ehre, diesen einmaligen Menschen einmal interviewen zu dürfen. Für das Handelsblatt habe ich am 2. Juni 2005 das nachfolgende Portrait geschrieben. Es erschien zum 85. Geburtstag von „MRR“.

Er verreißt sie, und er liebt sie. Hingebungsvoll, feinfühlig, voller Empathie spricht und schreibt Marcel Reich-Ranicki über Bücher. Heute feiert der bedeutendste deutschsprachige Literaturkritiker der Nachkriegszeit seinen 85. Geburtstag.

Ihm zu Ehren gibt seine Heimatstadt Frankfurt an diesem Abend einen Empfang in der Paulskirche. Die deutsche Literaturszene huldigt ihm, denn sie weiß, was sie „MRR“ zu verdanken hat. „Er hat den Buchmarkt bewegt“, sagt Dieter Schormann, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Eine Einschätzung, die Reich-Ranicki selbst nicht im Geringsten leugnet. „Ich habe sehr gehofft und gewollt, auf den Markt Einfluss auszuüben“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Ich gehörte nicht zu den Kritikern, die vor allem für die Kollegen schreiben. Nein, ich wollte vom Publikum beachtet werden.“

Vor allem seine Fernsehauftritte als Kopf des „Literarischen Quartetts“ machten Reich-Ranicki populär. Von 1988 bis 2001 besprach er zunächst mit Hellmuth Karasek und Sigrid Löffler, später mit Iris Radisch und einem wechselnden Gast mehr als 400 Bücher. Das „Quartett“ erreichte ein Millionenpublikum und hatte Macht. „Die Verlage fieberten der Sendung entgegen“, sagt Branchenvertreter Schormann. Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom etwa habe auf diese Weise in Deutschland eine breite Leserschaft gewonnen. „Selbst wenn ein Buch negativ besprochen wurde, hat es noch Aufmerksamkeit gefunden.“

Seine Art, bestimmte Silben zu betonen, sein leichtes Zischen, wenn er das „s“ ausspricht, seine manchmal wilde Gestik zeichneten ein Bild von Reich-Ranicki, das die Zuschauer vor die Bildschirme lockte. Reich-Ranicki weiß, dass er gerade mit dieser Sendung den Markt beeinflusst hat. Als Buchverkäufer sieht er sich aber nicht. Dies sei „Sache anderer Leute“.

Hart urteilt er, manchmal verletzend und provozierend. Im Sommer 2000 stritt er sich vor laufenden Kameras mit Sigrid Löffler über ein Buch des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami. Die Auseinandersetzung eskalierte. Löffler beendete die Zusammenarbeit.

Den Roman „Ein weites Feld“ von Günter Grass stempelte Reich-Ranicki 1995 als „wertlos“ ab. Der „Spiegel“ widmete dem Verriss eine Titelgeschichte. Auf dem Cover sah man den Kritiker, wie er den Roman in zwei Hälften zerriss.

Er sei oft aggressiv, gibt Reich-Ranicki zu, aber „niemals rachsüchtig“. Das Verhältnis zu Grass ist längst bereinigt. In dem Sammelband „Begegnungen mit Marcel Reich-Ranicki„, gerade erschienen im Insel-Verlag, geht Grass geradezu liebevoll mit seinem Kritiker um: „Ich werde ihn nicht los, er wird mich nicht los.“ Inzwischen hat ihn Reich-Ranicki sogar mit seiner Frau in Lübeck besucht. „Ich hätte ihn umarmen sollen“, schreibt Grass.

Sechzig Schriftsteller, Journalisten, Freunde und Wegbegleiter haben an dem Sammelband mitgewirkt. Martin Walser gehört nicht dazu. Der veröffentlichte 2002 das Skandalbuch „Tod eines Kritikers“. Darin kommt ein jüdischer Literaturkritiker zu Tode, der viele Leser an Reich-Ranicki erinnerte. Aber auch in diesem Falle scheint Versöhnung möglich: Er weise eine ausgestreckte Hand nicht zurück, sagte Reich-Ranicki dem „Spiegel“.

Seit mehr als sechzig Jahren ist „MRR“mit seiner Frau Teofila verheiratet. Das Paar hat einen Sohn. Sein aufregendes, von vielen Höhen und Tiefen geprägtes Leben ist in mehreren Biografien nachzulesen. Reich-Ranicki stammt aus einer polnisch-jüdischen Familie, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurde. Er besuchte zunächst das Gymnasium in Berlin. Ab 1940 lebte er im Warschauer Ghetto, in dessen Verwaltung er als Übersetzer tätig war. Zugleich war er Mitarbeiter des Ghetto-Untergrundarchivs und nahm Anfang 1943 an einer Widerstandsaktion der Jüdischen Kampforganisation teil.

Wenig später gelang ihm mit seiner Frau die Flucht aus Warschau. Beide überlebten den Holocaust im Untergrund. Reich-Ranickis Eltern und sein Bruder wurden ermordet. Auch die Eltern seiner Frau kamen um. Dass er in dieser Zeit ausgerechnet in der deutschen Sprache Zuflucht suchte, sagt viel über ihn aus. „Die Nazis haben Marcel Reich-Ranicki und seiner Familie viel angetan“, sagt Hubert Spiegel, Literatur-Chef der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und langjähriger Wegbegleiter Marcel Reich-Ranickis. „Aber es ist ihnen nicht gelungen, ihm die deutsche Literatur zu entfremden. Diesen Triumph hat er ihnen nicht erlaubt.“ Unzählige Bücher und Aufsätze tragen seinen Namen. Er erhielt Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden.

Aber das ist für ihn kein Grund, die Beine hochzulegen. Zurzeit plant er eine TV-Serie, die voraussichtlich im Herbst startet und sich mit einzelnen Schriftstellern auseinander setzen wird. Außerdem will er seinen Kanon der deutschen Literatur fertig stellen.

„Er hat wichtige Bücher geschrieben, die oft ihrer Zeit voraus waren“, sagt Spiegel. „Sein Name ist längst ein Markenzeichen.“

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Schmusewahlkampf

Plakate gehören zum festen Ritual einer jeden Wahl. Selten schön, häufig ideenlos zeigen sie, wie Parteien sich und ihre Wähler sehen. In der Vergangenheit ist manches schiefgelaufen: Spitzenpolitiker mit der Unterzeile „Glaubwürdigkeit“ etwa, die kurze Zeit später ihr Amt verloren. Solche Fehler wollen die Parteien diesmal verhindern und gehen auf Schmusewahlkampf. Die Botschaft der Regierungsparteien: Wählt uns, und alles bleibt, wie es ist. Die Christdemokraten signalisieren Selbstbewusstsein, setzen auf Erfolg, Sicherheit, Familie – typische Werte, die den Deutschen wichtig sind und niemandem wehtun. Unterstützung liefert verblüffenderweise die Opposition. Die SPD wirbt mit dem Gesicht der Kanzlerin, die es aus ihrer Sicht abzuwählen gilt. Die Aussage dahinter ist resignierend: Wir haben keinen richtig guten Kandidaten, den wir prominent präsentieren wollen. Der Vorteil liegt bei der CDU, die aber auch auf eine FDP­Ikone wie Rainer Brüderle angewiesen ist – mit gelber Krawatte und in altmodischem Fotodesign. Die Grünen setzen geschickt ihre frische Farbe ein, zeigen ihren Kandidaten vor einem Baum mit deutlich erkennbarem Internethinweis und der Aussage „Wir bringen neue Energie“. Subjekt, Prädikat, Objekt – eine schlüssig durchkomponierte Kampagne. Im Plakatwahlkampf 2013 bleiben noch resignierte Piraten, die mit Datensicherheit, Miete und anderen schwer belasteten Themen das Frustpotenzial der Menschen abgreifen wollen. Die parolenverliebten Linken scheinen aus einer anderen Zeit mit Ausrufezeichen als wichtigstem Stilmittel.

Gut, dass die Plakate bald wieder verschwinden.

Hinweis: Dieser Beitrag ist auch in der Zeitschrift „Absatzwirtschaft“ erschienen. Hier geht es zum Link:

http://www.absatzwirtschaft.de/content/k=UGu6CVw%252beU45VqRl3ToqVxFAZFmJtUZE%252bI8%252bQ7b%252bqVSRRzAasI8PCGEF6PwMB7SYKxvlgBeSBMc%253d;showblobms

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